Surf-Trip im Frühjahr

eine windige Angelegenheit

Dieses Jahr waren wir besonders früh dran mit unserem Portugal Surftrip. Man könnte meinen, dass es einen in Krisenzeiten eher zu Hause hält. In unserem Fall ist es anders, wir haben das dringende Bedürfnis rauszukommen und abzuschalten. Wir brauchen eine Pause von all den Katastrophen. Würden wir behaupten, es fühlt sich nicht irgendwie falsch oder komisch an, würden wir lügen. Natürlich fehlt die sonstige Leichtigkeit und Vorfreude mit der man sich auf den Weg macht. Wir sind uns definitiv unserer privilegierten Situation bewusst. Und die letzten 2,5 Jahre haben uns nicht nur gezeigt wie privilegiert wir sind, sondern auch wie fragil „unsere“ Welt ist.

Gestern sind wir wieder in München gelandet und ich hab mich mit einer Freundin auf einen Kaffee getroffen. Auch sie wird verreisen, auch sie verspürt nicht die gleiche Vorfreude wie sonst. Es ist das Gefühl, dass es unangebracht ist. Das schlechte Gewissen, das wir spüren.

Mich hat es schon früher begleitet, wenn ich in Ländern war, wo mir vor Augen geführt wurde, dass ich „ein reicher deutscher Tourist“ bin. Zu Beginn war es besonders komisch, denn im deutschen Vergleich bin ich nicht wohlhabend aufgewachsen. Meine Eltern mussten stets aufs Geld achten. Ich konnte mich nur schwer mit der Rolle des „wohlhabenden Deutschen“ identifizieren. In einem Buch „Glück ist kein Ort“ habe ich gelesen, dass Reichtum und Armut immer relativ von deinem Umfeld bestimmt wird. Das Beispiel war ein in Sibirien lebender Bauer, der in seinem Dorf als wohlhabend galt. In unserer Welt würde man ihn als arm bezeichnen. Wie vieles im Leben, ist wohl auch Reichtum eine Frage der Perspektive.

Frieden hingegen ist keine Frage der Perspektive. Das ist ein Privileg.

Müssen wir uns also schlecht fühlen, wenn wir aktuell verreisen? Ich habe keine Antwort darauf. Ich denke, die traurige Wahrheit ist, die Welt war schon immer ungerecht. Wir können nur versuchen einen positiven Beitrag im Rahmen unserer Möglichkeiten zu leisten.

Ich hatte nicht geplant, mich zu dem Thema zu äußern. Es ist so aus mir herausgesprudelt, nachdem ich den ersten Satz getippt hatte. Vielleicht eine Art der Rechtfertigung, warum ich zwei schöne Wochen in Portugal am Strand mit Surfen erleben durfte. Und genau darum soll es nun auch gehen.

Ankunft

Wir kommen am späten Nachmittag in unserer Unterkunft an. Ein Vorteil, wenn man sich schon auskennt, man kann einfach schnell seine Sachen in die Ecke im Apartment werfen, das Surfbrett schnappen und sich direkt in die Wellen stürzen. Genau so, haben wir es auch gemacht. Wind, Swell und Tide haben perfekt gepasst. Im Nachhinein war es eine unserer besten Surf-Sessions. Am Tag der Ankunft noch Surfen zu gehen, schaffen wir nur äußerst selten. An diesem Tag war es besonders wertvoll. Surfen hilft einem den Kopf freizubekommen. Das Meer spült dich einmal komplett durch und danach fühlst du dich frisch. Ich vermute (da ich es selbst nie probiert habe), es ist wie meditieren. Man fokussiert sich nur auf diese eine Sache, es ist kein Platz für irgendwas anderes. Wir fallen glücklich und müde in unsere Betten. Ein sehr guter Start.

Frühling

Eine windige Angelegenheit

Es ist deutlich kälter als sonst. Die meiste Zeit müssen wir Schuhe tragen, also nicht nur Flip Flops, ich meine richtige Schuhe, nicht nur an Land, sondern auch im Wasser. Der Wind bläst fast dauerhaft und das auch nicht zu schwach. Kommt er nicht aus Süd-Ost, kommt er aus Nord-West. Süd-Ost wäre uns lieber, dann hätten wir zumindest Offshore. Nord-West hingegen, ist nicht nur deutlich kälter, er macht uns auch die Wellen kaputt.

Hin und wieder regnet es auch ein bisschen. Wir versuchen es positiv zu sehen, denn im Gegensatz zu Deutschland, hat Portugal keine Hochwassergefahr. Hier ist das Gegenteil der Fall, es herrscht Wassermangel. Die Wasserspeicher befinden sich auf einem Tiefstand und das Land wartet dringend auf anständigen Regen.

Passend zum Thema fahren wir an einem der Tage zum nahe gelegenen Stausee oder Talsperre – „Albufeira da Barragem de Odeáxere“. Nicht weil wir uns selbst von dem niedrigen Wasserstand überzeugen wollen, sondern weil wir bisher nicht viel vom Landesinneren gesehen haben und es macht einen ganz guten Eindruck. Es ist wirklich schön hier… Wobei es mit dem Sylvensteinspeicher nicht mithalten kann ;-)

Albufeira da Barragem de Odeáxere

Obwohl es weniger geregnet hat als sonst, sehen wir einen deutlichen Unterschied in der Landschaft. Alles ist saftig Grün und Blumen blühen an Stellen, wo es sonst nur sandig verbrannte Erde gibt. Für uns ein ungewohnter, aber schöner Anblick. Wir freuen uns auch für die Kühe, die nun auch mal was saftiges zwischen die Zähne bekommen.

Ein weiterer schöner Nebeneffekt der Natur um diese Jahreszeit – Störche kreisen über unseren Köpfen. Ich sitze auf der Dachterrasse unserer Unterkunft, genieße den Weitblick und da tauchen sie plötzlich auf. Die Thermik scheint perfekt. Fünf Störche breiten ihre Flügen aus und ziehen ihre Kreise über dem kleinen Küstenort.

Alles wie immer

Ansonsten ist alles wie immer. Wir gehen jeden Tag surfen. Meistens am Amado. An manchen Tagen auch zweimal. Das zehrt ordentlich am Körper. Vor allem auch wegen der Kälte. Insgesamt machen wir nur einen Tag Pause und als wir abreisen, merke ich es deutlich. Mein Körper braucht dringend eine Pause.

  • Praia do Amado
  • Praia do Amado
  • Praia do Amado
  • Praia do Amado

Abgesehen vom Surfen, hab ich drei Bücher gelesen und man glaubt es kaum, ich lerne nun Portugiesisch. Noch bin ich hoch motiviert. Mal schauen, wie lange das so bleibt. ;-)

Abends packen wir manchmal auch die Spielkarten aus. Phase 10 gehört zu unserem Standardgepäck. Rainer zockt mich mehrmals ab, das ist neu. Schauen wir mal, wie lange seine Glückssträhne anhält. :-D

Und dann gab es noch zahlreiche Leckereien zwischendurch, die uns das kalte Wetter versüßt haben. Schlechtes Wetter ist immer eine gute Ausrede für Kuchen oder Pastel de Nata.

Anekdoten von Unterwegs

Heute auf dem Parkplatz: Papa macht sich mit seinem 3 oder 4 jährigen zum Surfen bereit. Der Kleine ersäuft eher in seinem Neoprenanzug. Der Vater bereitet alles vor und führt ein bisschen Konversation. Dabei fragt er den Kleinen. „What is the most important thing in life for you?“ Ich dachte er sagt jetzt „Dad“ oder „Mum“. Der Kleine: „Not to die.“ Und das ganze in einem breiten British English. Mich hat es fast zerrissen. Woraufhin der Vater zu uns rüber schaute und meinte: „That’s my life.“

Leider haben die Antwort auf die Frage, „second most important“ nicht mehr mitbekommen, da waren sie schon weitergezogen und außer Hörweite.

Abendessen mit Freunden 

An unserem letzten Abend treffen wir uns noch mit Freunden zum Abendessen. Genauer gesagt, es handelt sich um einen meiner portugiesischen Kollegen, den ich bisher nur über Video-Calls kenne. Die Familie seiner Freundin stammt aus der Ecke und so nutzen wir die Chance auf ein Treffen im echten Leben.

Wir waren im Three Little Birds in Sagres. Kann ich empfehlen, entspannte Atmosphäre und gutes Essen. Es war ein lustiger Abend mit ihm und seiner kleinen Familie. Ja, in Portugal nimmt man das nicht so eng und nimmt auch mal das noch nicht mal einjährige Kind zum Abendessen mit. Find ich super. Die Kleine war auch tiefenentspannt und extrem gut drauf.

Meine neu gewonnen Portugiesisch-Kenntnisse konnte ich noch nicht anwenden, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Dafür haben wir gelernt, wie man den Namen des Strandes Monte Clérigo richtig aussprechen würde. Also bei uns klingt es halt so, wie man es im Deutschen spricht, man betont jeden einzelnen Buchstaben – Monteee Klerikooo – nix wird verschluckt. Jeder Buchstabe hat seine Daseinsberechtigung. Im Portugiesischen versucht man jedoch so viele Buchstaben wie möglich weg zu nuscheln und dann packt man noch eine ordentliche Portion „Schwäbisch“ oben drauf. Übrig bleibt dann – Monsch Klersch. Oder so ähnlich 😉

Und das war’s dann auch schon wieder mit zwei Wochen Portugal. Wie immer schön und wie immer „same same, but different“. Wir sehen uns dann im September, bei hoffentlich wärmeren Temperaturen.

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